20.07.09

Gedanken über uns - Das Ehrenamt

Dekan Bernd Liebendöfer über das Ehrenamt in der Kirchengemeinde; der bemerkenswerte Artikel "Noch viel reicher" in der Sindelfinger Zeitung am 18. Juli 2009

„Bist Du eigentlich blöd? Du engagierst Dich in Deiner Kirchengemeinde? Wer bei der Kirche arbeitet, wird nur ausgenutzt. Wenn Du denen den kleinen Finger gibst, dann nehmen sie gleich die ganze Hand und lassen sie nicht mehr los.“

 

Solche Äußerungen habe ich oft gehört. Viele Menschen erleben das, wenn sie ehrenamtlich engagiert sind.

 

Doch in dieser Woche habe ich andere Töne gehört. Eine Frau erzählt, dass Ihre Tochter gesagt hat: „Mama, seit Du Dich in der Kirchengemeinde engagierst und im Seniorentreff mitarbeitest, bist Du zuhause nicht mehr so furchtbar pingelich.“ Eine andere Frau ergänzt sofort: „Wenn man so etwas macht, dann ist man auch viel ausgeglichener.“ Und eine dritte sagt: „Eigentlich mache ich das für mich selber. Ich setzte mich zwar für andere ein, aber wir kriegen auch untereinander Freundschaften. Und in schweren Zeiten hat man jemanden, der zu einem steht oder auch noch für einen betet.“


Es gibt also zwei völlig gegensätzliche Ansichten von ehrenamtlichem Engagement. Die eine Wahrnehmung gibt es genauso oft wie die andere. Die einen lassen sich dadurch von ehrenamtlichem Engagement abhalten. Sie haben Angst, ausgenutzt zu werden. Die anderen fühlen sich durch ihre Erfahrungen im Ehrenamt gerade auf diesem Weg bestätigt.


Einig waren wir uns in jener kleinen Gesprächsrunde auf jeden Fall in einem Punkt: Wer den Sprung nicht erst einmal schafft, wer ehrenamtliches Engagement in der Kirche oder an einer anderen Stelle nicht einmal für sich erst ausprobiert, der wird nicht erfahren, wie viel man davon hat. Schwäbisch sagt man oft: „Dô kommt au was z’rück.“ Diese Äußerung zeigt schon, erst muss man etwas geben. Dann erst kann etwas zurückkommen. Am Anfang steht also ein gewisses Wagnis. Ich habe ja keine Garantie dafür, dass etwas zurückkommt.


Eine Garantie habe ich nicht. Das stimmt. Doch ich habe die Erfahrung von vielen, die es schon ausprobiert haben. Ihr Leben ist dadurch reich geworden.


Im Raum der Kirche können wir sogar noch ergänzen: Wir haben dafür auch eine Verheißung von Jesus Christus. Er spricht von der Nachfolge. Das bedeutet zunächst, dass man auf etwas verzichten muss. Dass man vielleicht eigene Pläne zurückstellen muss. Man setzt sich ein für das, von dem man erkannt hat, dass es Christus von mir will. Das ist im ersten Schritt Hingabe.


Doch Christus hat verheißen, dass unser Leben gerade dadurch noch viel reicher und erfüllter wird. Es klingt zunächst verrückt. Ich gewinne dadurch, dass ich hingebe. Aber die Erfahrung von unzähligen Menschen bestätigt, dass diese Verheißung Christi stimmt.


Es macht unser Leben unendlich reich, dass ganz viele Menschen sich auf diesen Weg einlassen. Ohne ehrenamtliches Engagement in der Kirche und in unserer Gesellschaft wäre vieles nicht möglich. Bezahlen könnten wir es auf keinen Fall. Aber hier können wir Gott wahrhaft danken. Es kommt was zurück. Das muss nicht Geld sein. Manch erlebtes Glück und mancher Dank sind genauso viel wert. Mögen alle erfahren, wie wahr diese Verheißung Christi ist.

Bernd Liebendörfer
Dekan der Evang. Kirche,
Böblingen